"Die Sehnsucht der Veronika Voss"

† Rosel Zech verstarb am 31.08.2011 in Berlin †

Das Sybille Schmitz Archiv verneigt sich in stiller Trauer vor dieser großen Künstlerin und einem wunderbaren Menschen. Danke Rosel Zech!

Annette Morczinek zum Tode von Rosel Zech: Schönheit ist, das Leben einigermaßen gut zu kapieren.

http://www.wdr3.de/resonanzen/details/artikel/wdr-3-resonanzen-482d0e076c.html

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 Sybille Schmitz:  "Die Sehnsucht der Veronika Voss"

von Rainer Werner Fassbinder/ 1982

 

 

  


Drehbuch: Erschienen im belleville- Verlag
 

   

Auswahl an Filmplakaten:

          

   

 Deutschland 1982, 104 Minuten

Regie: Rainer Werner Fassbinder

Drehbuch: Peter Märthesheimer, Pea Fröhlich, Rainer Werner Fassbinder

Musik: Peer Raaben

Director of Photography: Xaver Schwarzenberger

Schnitt: Juliane Lorenz

Produktionsdesign: Rolf Zehetbauer

 

Darsteller:

Rosel Zech (Veronika Voss)

Hilmar Thate (Robert Krohn)

Annemarie Düringer (Dr. Katz)

Doris Schade (Josefa)

Cornelia Froboess (Henriette)

Eric Schumann (Dr. Edel)

Armin Mueller-Stahl (Max Rehbein)

Rudolf Platte (Herr Treibel)

Johanna Hofer (Frau Treibel)

Elisabeth Volkmann (Grete)

Hans Wyprächtiger (Chefredakteur)

Günter Kaufmann (GI, Dealer)

Lilo Pempeit (Chefin)

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Diverse DVD Cover  zum Film:

    

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Kritiken/ Rezensionen zum Film:

1.

Mitte der 50er Jahre an der Peripherie Münchens: An der Straßenbahn- haltestelle Geiselgasteig trifft der Sportreporter Robert Krohn (Hilmar Thate) eine verängstigte Frau. Er bringt sie in die Stadt, sieht sie am nächsten Tag in einem noblen Cafe wieder, wo sie sich 300 Mark von ihm leiht.

Veronika Voss (Rosel Zech) war ein gefeierter Ufa-Star, der von älteren Verehrerinnen noch auf offener Straße erkannt wird. Zwischen Krohn und der Schauspielerin beginnt eine merkwürdige Liason, bei der der Reporter halb von menschlichem Mitgefühl, halb von journalistischem Interesse getrieben wird.

Auf die Frage seiner Freundin Henriette (Cornelia Froboess), ob er Veronica liebe, antwortet er wahrheitsgemäß: „Ich weiß es nicht.“ Krohn versucht mit allen Mitteln, hinter das Geheimnis des einstigen Stars zu kommen – und ihm nach Möglichkeit zu helfen. Allmählich findet Krohn heraus, dass Veronika Morphium nimmt, dass sie der skrupellosen Ärztin Dr. Katz (Annemarie Düringer) ausgeliefert ist, sogar in deren Praxis wohnt, und dass die Ärztin nicht nur die Schauspielerin, sondern auch andere Patienten ausbeutet, um sie erst drogenabhängig zu machen und dann durch „perfekten Mord“ an ihr Vermögen zu gelangen. Am Ende muß sich Krohn angesichts des Mordes an seiner Freundin und des Selbstmordes der Veronika Voss eingestehen, dass er diesem Sumpf nicht gewachsen ist...

„Die Sehnsucht der Veronika Voss“ vollendet, nach „Die Ehe der Maria Braun“ und „Lola“, die zeitkritische Fassbinder-Trilogie über die 50er Jahre der noch jungen Bundesrepublik Deutschland. Unter Bezug auf Michael Curtiz und Douglas Sirk nicht nur in Schwarzweiß gedreht (Kamera: Xaver Schwarzenberger), sondern im bewussten Rückgriff auf die filmischen Ausdrucksmöglichkeiten dieser Aufbruchs- und Wirtschaftswunderjahre, baut der Film auf dem authentischen Schicksal der Ufa-Diva Sybille Schmitz auf. Als zu Beginn der 50er Jahre für die erfolgsverwöhnte Schauspielerin die großen Rollenangebote ausblieben, nahm sie sich das Leben.

Dazu ist „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ mit einem erlesenen Schauspielerensemble besetzt, das den „alten“ Film (Rudolf Platte und Johanna Hofer spielen ein altes, lebensweises jüdisches Paar, dass konsequent in den Freitod geht) mit dem „neuen“ bundesdeutschen Kino vereint (Armin Mueller-Stahl, Volker Spengler, Elisabeth Volkmann, Peter Zadek).

Rainer Werner Fassbinder 1982 zu seinem dem Autor Gerhard Zwerenz gewidmeten, bei den Berliner Filmfestspielen 1982 uraufgeführten und mit dem „Goldenen Bären“ preisgekrönten Melodram:

 

Preisverleihung  bei der Berlinale 1982 (Goldener Bär)

 

 

„Ich will mit diesem Film der heutigen Gesellschaft etwas wie eine Ergänzung der Geschichte geben. Unsere Demokratie ist eine damals für die Westzone verordnete, wir haben sie uns nicht erkämpft. Alte Formen haben große Chancen, sich Lücken zu suchen, ohne Hakenkreuz natürlich, aber mit alten Erziehungsmethoden. Ich staune, wie schnell es in diesem Land eine Wiederbewaffnung gegeben hat. Die Revolteversuche der Jungen waren ja eher rührend. Ich will auch zeigen, wie die 50er Jahre den Menschen der 60er Jahre geprägt haben. Diesen Zusammenprall der Etablierten mit den Engagierten, die in die Abnormität des Terrorismus gedrängt wurden.“

 

  

   

Aushangfotos zum Film 

2.

Licht und Schatten sind die beiden Geheimnisse des Films“, sagt Veronika Voss (Rosel Zech) zu dem Sportreporter Robert Krohn (Hilmar Thate), den sie kurz zuvor im prasselnden Regen kennen gelernt hatte. Schon die Eingangsszene des Films deutet auf etwas wie das Verschwimmen von Realität, Fiktion und Phantasie. Veronika sitzt im Kino und schaut sich einen alten UFA-Film an, in dem eine Schauspielerin (sie?) eine Spritze verabreicht bekommt. Schräg hinter ihr sitzt Rainer Werner Fassbinder. Der Film treibt sie aus dem Kino, die Diva von einst, die in der jungen Bundesrepublik der 50er Jahre keine Rolle mehr bekommt.

 

Es mutet paradox an: Die Schatten, das Dunkle in „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ geben eher etwas Warmes ab, während das Licht, das Helle, manchmal fast Grelle Kälte und Angst produzieren. Die Voss war ein UFA-Star, eine, von der man gar munkelte, sie habe etwas mit Goebbels gehabt (2), eine, die glaubt, jeder müsse sie kennen, und die weiß, dass kaum jemand sie noch kennt. Durch diese zerreißende Spannung aus Glauben (bzw. Glauben-Wollen) und Wissen (bzw. Nicht-Wissen-Wollen) ist aus der Voss eine hysterische Person geworden, eine, die sich in den Zeiten des Wirtschaftswunders nicht mehr zurecht findet, eine, die sich nur durch Tabletten und Morphium „über Wasser hält“.

 

„Don't forget a small moonbeam

Fold in lightly with a dream

Your lips and mine

Two sips of wine

Memories are made of this.“

 

Robert Krohn hingegen, der für eine Münchener Zeitung Sportberichte schreibt, ist von dieser merkwürdigen Frau angezogen. Das hat weniger berufliche Gründe. Er weiß andererseits nicht einmal, ob er sich in die Voss verliebt hat. Die Blicke zwischen beiden sind gestört durch das diametral unterschiedliche Interesse am je anderen. Als er sie anfangs zufällig im strömenden Regen trifft, ihr seinen Regenschirm anbietet und sie zur Straßenbahn begleitet, da antwortet sie „Schirm und Schutz“, und Krohn begreift den Sinn dieses zusätzlichen Wortes „Schutz“ noch nicht – eine Art Forderung, ein Bedürfnis, und dann auch wieder nicht. Veronika Voss verhält sich ambivalent. Als er sie verlässt, mit der Bahn davon fährt, verschwimmen ihre Blicke zueinander im auf die Scheiben der Straßenbahn niederprasselnden Regen. Und so, wie es in dieser Symbolik zum Ausdruck kommt, wird es fast bis zum Schluss bleiben.

 

Krohn entwickelt ein undefinierbares Interesse an dieser Frau. Er lässt sich von seiner Kollegin Grete (Elisabeth Volkmann) Informationen besorgen – aber über sie schreiben? Er weiß nicht, was ihn an ihr fasziniert. Ist es überhaupt Faszination? Als er sich nach ihrer Adresse erkundigt, trifft er auf das alte, freundliche Ehepaar Treibel (Rudolf Platte, Johanna Hofer), die ihn auf das Praxisschild einer Nervenärztin aufmerksam machen. Doch Frau Dr. Marianne Katz (Annemarie Düringer) hält sich bedeckt, ja, die Voss sei ihre Patientin, und sicher würde sie ihm die 300 Mark irgendwann wieder zurückzahlen, die sich die Voss bei Krohn anlässlich einer Verabredung geliehen hatte – angeblich für eine Brosche, die die Voss jedoch wieder zurückbrachte, um das Geld anderweitig zu verwenden – für Tabletten.

 

„Then add the wedding bells

One house where lovers dwell

Three little kids for the flavour

Stir carefully through the days

See how the flavour stays

These are the dreams you'll savour.“

 

Die Praxis der Frau Dr. Katz ist so weiß wie Schnee, nicht nur die Einrichtung und die Wände, auch Schränke, Kunstgegenstände, der Boden, die Decke – alles weiß. Nur der GI (Günter Kaufmann), der sich in der Praxis aufhält, trägt eine dunkle Uniform, spricht kein Wort, ist aber immer irgendwie beschäftigt – mit dem Verpacken von Tabletten, Drogen ...

 

Krohn scheint die Bekanntschaft mit der Voss verändert zu haben. Er lebt zusammen mit Henriette (Cornelia Froboess), einer Fotografin, die sofort merkt, dass mit ihm etwas nicht stimmt, eine Frau, die nicht hysterisch reagiert, sondern ruhig, manchmal fast gelassen, überlegt. Krohn hatte Veronika Voss auf ihre Frage, ob er Henriette liebt, geantwortet: „Wir ertragen uns.“ Aber tatsächlich liebt Henriette ihn, während er nichts weiß. Er weiß nicht, wie er zu Henriette steht, er weiß nicht, wie er zu Veronika steht, er weiß nicht, was er will. Krohn hat nur eine Ahnung, eher einen Hauch von Ahnung, so eine unschuldige, zwecklose, oder besser: nicht zweckgerichtete Ahnung über das, was geschieht. Krohn, das ist die Personifizierung des Nachkriegsdeutschen, der seiner Arbeit nachgeht, seinen privaten Beziehungen, in dessen Leben aber nichts Dramatisches, Erfreuliches, Spannendes passiert. Dies korreliert mit einem Bezug zur Vergangenheit, der eigentlich keiner ist. In Krohn ist die Vergangenheit fast ausgelöscht. Nur in der Voss kommt sie als eine Spur von Ahnung, unbewusst, zurück.

 

Als er einen schönen Abend mit Henriette verbracht hat, steht die Voss vor beider Wohnungstür und verkündet, sie wolle mit Krohn die Nacht in ihrer Villa verbringen. Alles in dieser Villa ist mit weißen Laken abgedeckt, unbewohnt gemacht. „Ich verführe gern ... wehrlose Männer“, sagt sie zu ihm und schläft mit Krohn. Danach bekommt sie einen ihrer Anfälle, will sich nicht mehr an Krohn erinnern, der sie zu Dr. Katz fährt.

 

Veronika Voss ist einer dieser Geister der Vergangenheit, die in der „neuen“ Bundesrepublik keine Chance mehr haben. Sie lebt in ihrer Erinnerung, auch an ihren Ex-Mann, den Drehbuchautor Max Rehbein (Armin Mueller-Stahl), der sich von ihr trennte, weil er ihre Sucht und deren Folgen nicht mehr ertragen konnte. Nur in diesen Momenten der Erinnerung und der Phantasie ist es Veronika Voss „erlaubt“, für kurze Zeit Gefühle anderen gegenüber zu zeigen. Sie schläft mit Krohn und lebt in diesen Momenten in der Vergangenheit. Sie „erwacht“ und ist entsetzt.

 

Die beiden anderen Geister der Vergangenheit sind das alte Pärchen, ein Ehepaar, das in Treblinka war, auch er morphiumabhängig. Später werden Henriette und Krohn die beiden finden, nachdem sie Selbstmord begangen haben. Später wird Henriette von einem Auto totgefahren, weil sie bei Dr. Katz anonym Erkundigungen eingezogen hatte, Dr. Katz aber wusste, wer sie ist und warum sie kam. Später wird sich an einem Ostersonntag, während der Papst sein „urbi et orbi“ predigt, Veronika Voss das Leben nehmen. Später wird sich herausstellen, dass Dr. Katz sowohl Veronika, als auch das alte jüdische Ehepaar von Morphium abhängig gemacht und sich aller Vermögen überschreiben hat lassen. Später wird sich herausstellen, dass der Leiter der Gesundheitsbehörde, Dr. Edel (Erik Schumann) gemeinsame Sache mit Dr. Katz gemacht hat.

 

„With His blessings from above

Serve it generously with love

One man, one wife

One love through life

Memories are made of this

Memories are made of this.“

 

„Die Sehnsucht der Veronika Voss“ ist Teil der so genannten „BRD-Trilogie“ Fassbinders, zu der noch die beiden Filme „Lola“ und „Die Ehe der Maria Braun“ gehören. Man könnte den Film als scharfe Abrechnung Fassbinders mit der Nachkriegszeit bezeichnen. Täter wie Opfer der Vergangenheit scheinen in dieser Gesellschaft der „Stunde Null“ keine Chance mehr zu haben: die in Treblinka gefolterten Treibels ebensowenig wie die Nutznießer des Nazi-Regimes, wie Veronika Voss eine war. Die Sieger heißen Dr. Katz und Dr. Edel, Repräsentanten des „Wirtschaftswunders“, eiskalte, skrupellose Nutznießer des Wiederaufbaus, gegen die Krohn als Repräsentant eines neuen Versuchs von Demokratie keine Chance hat.

 

Krohn will Veronika retten, sagt er irgendwann zu deren Ex-Mann Rehbein. Der weiß bereits, dass dies unmöglich ist. Veronika will sich nicht retten lassen. Sie hat ihren Tod einkalkuliert. Sie weiß, dass sie alles abtreten muss. Was sich in der individuellen Beziehung zwischen der Voss und der Dr. Katz abspielt, ist daher auch symptomatisch für die verquere Beziehung zwischen dem alten Regime und den neuen, angeblich durch und durch demokratischen Machthabern. Dr. Katz beerbt die Verlierer im eigenen Land, die keine Chance mehr haben. Eine Zeitlang kann man sich ihrer noch bedienen, aber die Zeichen der Zeit sind nun anders gestellt, nicht, weil das Nazi-Regime verbrecherisch war, sondern weil es Deutschland in der Welt desavouiert hat. Eine taktische Variante? Dr. Katz hätte genauso gut unter Hitler ihre Machenschaften treiben können? Vielleicht, doch eher nicht. Dr. Katz repräsentiert eher den Typ von neuer Wirtschaft, in der eine Art „ursprüngliche Akkumulation“ von Kapital erforderlich ist, um mit Hilfe von Geld und Macht das aufzubauen, was in den Medien so plakativ als „soziale Marktwirtschaft“ propagiert wurde. Sie ähnelt hier in manchem der Person des Baunternehmers Schuckert in „Lola“.

 

Krohn, der Sportreporter, bleibt in diesem Spiel der „Dumme“. Er weiß nicht, wie ihm geschieht, aber schließlich nimmt er alles, was geschehen ist, hin – als ob es sich um Schicksal handeln würde. Man kann auch sagen: Weil Krohn sich gegen Dr. Katz nicht durchsetzen kann, weil er sie nicht bloßstellen kann, wird alles schicksalhaft. Er begreift, dass Veronika Voss sterben wollte, irgendwann. Er begreift, dass seine Freundin Henriette Opfer der neuen Machthaber werden musste, weil sie und er sich zu intensiv mit ihnen beschäftigt hatten. Er wird sich fügen. Sein letztes Aufbäumen, als er mit der Polizei bei Dr. Katz auftaucht, ist sinnlos. Ganz am Schluss schaut er – hinter einer Mauer versteckt – zu, wie Dr. Katz, Dr. Engel und Josefa (Doris Schade), die treue Seele von Dr. Katz, ihren Triumph feiern: Der Grundstein für eine solide Wirtschaftsordnung ist gelegt.

Programmheft zum Film von 1981/ Neues Filmprogramm

 

Rosel Zech fängt durch ihr Spiel die hysterische Mentalität der UFA-Diva, die nach 1945 keine Chance mehr bekam, überzeugend ein. Ihr gegenüber steht ein Hilmar Thate als Krohn, der durch eine Mischung von trockener Sachlichkeit und innerer Ruhe hier, Neugier und kaum zu versteckender Faszination dort zur phantastischen Inszenierung Fassbinders und der mit Licht und Schatten spielenden Fotografie Schwarzenbergers eine schauspielerische Glanzleistung bietet.

Prädikat: Besonders wertvoll.

Ulrich Behrens

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 Rainer Werner Fassbinder über seinen Film DIE SEHNSUCHT DER VERONIKA VOSS

 

Link zur Rainer Werner Fassbinder Foundation:

http://www.fassbinderfoundation.de/node.php/de/home

 

 

 

DIE SEHNSUCHT DER VERONIKA VOSS ist nach MARIA BRAUN und LOLA der dritte Film über die 50er Jahre in der Bundesrepublik.

 

Es ist halt so, dass wir in Deutschland so wenig von deutscher Geschichte gelernt haben, dass wir einiges nachzuholen haben an erster Information, und als Filmemacher macht man halt aus diesen Informationen die Geschichte, die man dem Zuschauer erzählt. Das bedeutet nichts weiter, als die Wirklichkeit begreifbar zu machen. Ich sehe vieles, was mir auch heute wieder Angst macht. Der Ruf nach Ruhe und Ordnung.

 

 

Die Adenauer-Ära scheint Sie zu faszinieren?

 

Ich will mit diesem Film der heutigen Gesellschaft so etwas wie eine Ergänzung der Geschichte geben. Unsere Demokratie ist eine damals für die Westzone verordnete, wir haben sie uns nicht erkämpft. Alte Formen haben große Chancen, sich Lücken zu suchen, ohne Hakenkreuz natürlich, aber mit alten Erziehungsmethoden. Ich staune, wie schnell es in diesem Land eine Wiederbewaffnung gegeben hat. Die Revolteversuche der Jungen waren ja eher rührend. Ich will auch zeigen, wie die 50er Jahre den Menschen der 60er Jahre geprägt haben. Diesen Zusammenprall der Etablierten mit den Engagierten, die in die Abnormität des Terrorismus gedrängt wurden.

 

 

Veronika Voss erinnert an Sybille Schmitz. Wie kamen Sie darauf?

 

Ganz zu Anfang meiner Regie-Tätigkeit wollte ich mit Sybille Schmitz eine Rolle besetzen, da erfuhr ich, dass sie tot war. Niemand wusste Genaues über ihr Schicksal, die Geschichte hat mich nicht mehr losgelassen.

 

 

Sie lieben gescheiterte Figuren.

 

Ich habe ein zärtliches Gefühl für sie. Ich verstehe sie in alldem, was sie falsch gemacht haben. Vielleicht hat das auch mit mir selbst zu tun. Man sagt sich zwar immer – o.k., du lässt dich nicht so kaputtmachen –, aber es kann mir passieren. Es gibt schon Leute, die darauf lauern, dass ich zusammenklappe.

 

 

Ihr Film ist auch eine Geschichte über Drogen in den 50er Jahren.

 

Das stimmt, es gab auch damals eine große Rauschgiftwelle, nur es konnten sich im Gegensatz zu heute nur wenige leisten. Und da war man schnell bei Leuten, die unter künstlerischem Stress gearbeitet haben und das ist ohnehin eine Gesellschaftsschicht, für die sich jeder Filmemacher interessiert.

 

 

Gibt es noch Pläne, nach Amerika zu gehen? Worin liegt der Unterschied, Ihrer Meinung nach, in der Arbeitsweise zwischen Hollywood und Deutschland?

 

Ich glaube, das Filmemachen in Hollywood unterscheidet sich nur dadurch, dass es tatsächlich kollektiver ist, dass man Arbeit verantwortlich an andere Leute delegieren kann. Und ich habe das gelernt. Ich habe versucht, Mitarbeiter zu bekommen, mit denen man so arbeiten kann, wie man es in einem Studio in Hollywood nicht anders könnte. Die machen ihre Arbeit und ich akzeptiere das, sie muss nicht immer hundertprozentig sein, aber sie stimmt für sich. Und das, glaube ich, ist der Vorteil von Hollywood, dass sich da nicht einer von A bis Z alles alleine ausdenkt.

Also in Hollywood, glaube ich, sind die Leute, die beim Film arbeiten, im großen und ganzen weiter. Hier, glaube ich, gibt es sehr viele, die zum Film kommen, weil sie denken, es wäre alles wunderbar, nett und toll und sie müssen nicht so viel arbeiten und sie wären bei etwas Tollem dabei, während die Leute in Hollywood, so exzentrisch sie auch sein mögen, in ihrem Job maximales leisten.

Ich habe an meiner Crew ziemlich lange gearbeitet, bis ich mich auf sie verlassen konnte. In Hollywood ist es, glaube ich, so, dass ein Regisseur, der in einem Studio arbeitet, genau weiß, dass er sich auf seine Mitarbeiter verlassen kann.

 

 

In Ihren Filmen stehen oft Frauen im Mittelpunkt.

 

Über Frauen lassen sich alle Sachen besser erzählen. Männer verhalten sich meist so, wie die Gesellschaft es von ihnen erwartet. Frauen schwimmen eher gegen die Normen. Sie sind konsequenter, transparenter. Männer spielen immer ihre Rollen.

 

 

Welche Rolle hat für Sie das Publikum?

 

Wenn das Licht im Kino ausgeht, beginnt der Traum, regiert das Unterbewusstsein. Ich sage mir, dass jemand, der ins Kino geht, in etwa weiß, was ihn erwartet, dass ich ihm also mehr Anstrengung zumuten kann und ich kann auch erwarten, dass er mehr Spaß an der Anstrengung hat. Gegenüber dem Publikum sollte man nie gefällig sein. sondern immer herausfordernd.

 

Quelle: Fassbinder Foundation (Text aus dem Presseheft)

 

 

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Mehr Informationen zu Rosel Zech und Rainer Werner Fassbinder auf diesen Seiten:

 

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Auf dem Boulerard der Stars/ Berlin wurden Rainer Werner Fassbinder und Armin Müller Stahl, am 10.September 2010 je ein Stern für das Lebenswerk verliehen:

    

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