Sybille Schmitz in POLIZEIBERICHT ÜBERFALL

"Ihr Kinodebüt gab Sybille Schmitz 1928 in einem Werbefilm der SPD von Ernö Metzner mit dem Titel FREIE FAHRT, wobei ihre Darstellung einer Proletarierfrau von der schweizer Kritik hochgelobt wurde. Dem Film weniger gewogen war die deutsche Zensur, die ihn zwar zuließ, aber, wegen seiner "einseitigen politischen Tendenzen", für Jugendliche verbot - was seine Verwertungschancen schmälerte, weil er vor allem zur Werbung von Jungwählern gedacht war.

Metzners nächstem Film erging es nicht besser. POLIZEIBERICHT ÜBERFALL erzählt die Geschichte eines armen Tropfes, der ein Geldstück findet und damit im Spiel gewinnt. Doch sein bescheidener Reichtum ist schnell vorbei, als er, von einem Dieb verfolgt, sich zu einer Dirne flüchtet, die ihn mit ihrem Zuhälter ausraubt, ehe er anschließend auf der Straße von dem wartenden Dieb zusammengeschlagen wird.

Sybilles Auftritt dauert ganze acht Sekunden. Als Kollegin der Nutte, die in einer Absteige den Pechvogel mit ihrem Luden bedrängt, öffnet sie, aufgeschreckt durch die Schreie des Opfers, die Tür ins Nebenzimmer, wirft einen verächtlichen Blick auf das Geschehen und verschwindet wieder. Ein Einakter über einen kleinen, glücklichen Zufall, der in einem Alptraum endet: von dieser Angstvision erzählt Metzner ebenso wie von der Straße als Hinterhalt im Krieg gegen die Schwachen durch die noch Schwächeren."
(Friedemann Beyer: Schöner als der Tod. Das Leben der Sybille Schmitz; Belleville, München 1989)

 

Der experimentelle Kurzfilm ÜBERFALL ist einer der radikalsten deutschen Filme. Er behandelt einen kleinen, gewöhnlichen Straßenüberfall, der kaum in einer Lokalzeitung Erwähnung finden würde: Ein Kleinbürger findet eine Münze auf der Straße und setzt sie in einer finsteren Kneipe ein. Er gewinnt und geht und wird von einem Schläger durch eine dunkle Unterführung und vorbei an häßlichen Häuserfronten verfolgt. Eine Prostituierte zieht den verängstigten Kleinbürger in ein Haus und nimmt ihn mit auf ihr Zimmer. Der Mann glaubt sich in Sicherheit, ist aber in Wirklichkeit nur in eine andere Falle geraten. Während er sich auf ein Schäferstündchen einstellt, taucht der Zuhälter des Mädchens auf, knöpft dem Freier die Brieftasche ab und wirft ihn aus dem Haus. Kaum hat der Unglückliche sich etwas gefaßt, wird er von dem Schläger aus der Kneipe niedergeschlagen. In der letzten Szene sieht man ihn mit einem Kopfverband im Krankenhaus liegen. Ihn quält ein Fiebertraum, in dem eine rollende Münze das Leitmotiv bildet.

Ungewöhnliche Kamerawinkel, Zerrspiegel und andere filmische Techniken werden verwendet, um diesen gemeinen Überfall darzustellen. Das Resultat ist eine Bildgroteske, die dazu neigt, die Unförmigkeit von Gegenständen und Gesichtern zu unterscheiden. Diese Normverletzung ermöglicht es, Metzners Film als einen Protest gegen tief verwurzelte Konventionen zu bezeichnen. In ÜBERFALL tauchen alle Charaktere und Motive aus DIRNENTRAGÖDIE und ASPHALT mit fundamental veränderten Bedeutungen wieder auf. ÜBERFALL ist ein Straßenfilm, der alle vorigen Straßenfilme der Stabilisierungszeit abschminkt. Im Gegensatz zu ihnen glorifiziert er weder den Kleinbürger als Rebellen, noch macht er das Chaos der Straße zu einem Hafen wahrer Liebe. Die Prostituierte bleibt in diesem Kurzfilm bis ganz zum Schluß ein abgebrühtes Geschöpf. ÜBERFALL geht insofern weit über jeden anderen Film jener Zeit hinaus, als er der Polizei, dem beruhigenden Symbol der Autorität im deutschen Film, eine Abfuhr erteilt. Wenn der ausgenommene Kleinbürger in der Schlußszene von einem Kommissar aufgefordert wird, seinen Angreifer zu identifizieren, schließt er schweigend die Augen und verfällt wieder seiner Halluzination von der rollenden Münze. Das Bild der Münze ist die Antwort auf die Forderung des Polizisten. ÜBERFALL zeigt zwar Chaos, ohne jedoch Unterwerfung unter die Autorität als Ausweg zu akzeptieren. Autoritäre Dispositionen werden hier nachdrücklich zurückgewiesen. Der wahrhaft ketzerische Charakter dieses Films wird durch die scharfe Reaktion der Zensur bestätigt. Obwohl ÜBERFALL von weit harmloseren Ereignissen handelt als jeder Film von Pabst, wurde er wegen seiner vermeintlichen "brutalisierenden und demoralisierenden Wirkung" verboten.
(Siegfried Kracauer: Von Caligazu zu Hitler; Frankfurt/Main 1979)

Verbotsgründe der Filmprüfstelle, 3.4.1929

"Der Bildstreifen ist ein Verbrecherfilm und bewegt sich nach Inhalt und Handlung im Geschehnisgebiet des Verbrechertums, und zwar ist die Darstellung des Verbrechens in dem Bildstreifen Selbstzweck. Die Begebenheiten stellen Gewalttaten dar, die in einprägsamer Deutlichkeit dem Beschauer vor Augen geführt werden, so daß die Gefahr eines Anreizes auf Personen, die an sich zur Begehung von Verbrechen geneigt sind, nicht von der Hand zu weisen ist. Den Gipfelpunkt der Roheiten erreicht die Darstellung darin, daß der Verbrecher dem am Boden Liegenden noch mit einem Gummiknüppel über den Kopf schlägt.

Das Ganze ist geeignet, durch die Häufung der Brutalitäten und gefühlsrohen Taten nur herabziehend und auf das Gefühl des Beschauers abstumpfend zu wirken, da ein ethischer Ausgleich, etwa dadurch, daß die Verbrecher die gerechte Strafe trifft, nicht festzustellen ist. Der Gedanke, der nach Ansicht des Herstellers der Handlung zugrunde liegt, daß nämlich die bewußt widerrechtliche Verwendung von Falschgeld zum Unglück führe, ist weder logisch zwingend, noch in einer Weise zum Ausdruck gebracht, daß der Beschauer ihn als moralische Nutzanweisung empfindet. Aber selbst, wenn es geschehen wäre, würde hierin eine die nachteilige Wirkung aufhebende Gegenwirkung nicht gefunden werden können. Der Bildstreifen, bei dem künstlerische Gegenwerte in einem Maße, daß sie eine mildere Auffassung hätten rechtfertigen können, nicht zu erkennen waren, konnte daher wegen seiner verrohenden und entsittlichenden Wirkung nicht zugelassen werden."

Ernö Metzners Entgegnung

"ÜBERFALL ist ein Kurzfilm ähnlich einer literarischen Kurzgeschichte. Er stellt eine neuartige Methode dar und muß deshalb mit neuen Maßstäben beurteilt werden. Es ist mir einfach unverständlich, daß die Zensoren einen solchen Film als Verbrecherfilm interpretieren.

Er beschreibt ein Ereignis, ohne Kommentar, nur die Fakten, trocken wie ein Polizeibericht. Der Inhalt besteht aus der Beschreibung des zunehmenden Angstzustandes des Helden, der die Zuschauer stärker emotional berührt als die angeblichen "Gewalttaten", die gar nicht vorhanden sind. In der Szene, die im Zimmer spielt, wird der Held weder gewürgt noch geknebelt, das Handtuch dient lediglich dazu, ihn zu fesseln; und der Schlag mit dem Gummiknüppel auf der Straße wird nur angedeutet. Wenn man Verbrechen darstellen wollte, wäre es ein Leichtes, dafür geeignetere Stoffe zu finden oder den vorliegenden zu vergröbern. Der Vorwurf einer "Häufung der Brutalitäten" ist ganz und gar unverständlich, wenn man ihn z.B. mit dem amerikanischen Film THE GODLESS GIRL vergleicht, dessen Inhalt in viel stärkerem Maße diesen Vorwurf verdient als ÜBERFALL.

Alle Szene des Films zielen letztlich darauf ab, ein Gefühl der Angst zu erzeugen, dessen Konsequenz der psychologisch unangreifbare Angsttraum ist, der als Höhepunkt des Films gedacht war. Ich möchte mit diesem Brief schärfstens gegen die falsche Interpretation dieses Effekts protestieren. Man sollte untersuchen, inwieweit die Wirkungen des Films, Angst zu erzeugen, die Zensoren zur falschen Interpretation dieses Effekts verleitet hat, indem sie diese Fähigkeit der "Brutalität" zuschrieben. Solch eine psychologische Verdrehung der Tatsachen ist nur allzu begreiflich.

Auch der künstlerische Wert des Films, den Zensoren verborgen, sollte mit anderen Maßstäben beurteilt werden, als der einer sentimentalen Durchschnittsproduktion. Dieser Film ist schließlich dem wirklichen Leben näher, wenn er auch weniger schön ist. Er ist ein absolut ernsthaftes Werk, das der deutschen Filmkunst neue Wege zu erschließen sucht und nach neuen Wertmaßstäben verlangt."
(veröffentlicht in: Close Up, Schweiz, Mai 1929

 

 

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